Wer durch Tampa streift, stößt früher oder später auf den Namen „Cigar City“. Was heute zunächst nostalgischer Spitzname der Westküstenmetropole Floridas ist, war einst die wirtschaftliche Realität der Stadt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde hier ein Großteil der Zigarren produziert, die in den USA geraucht wurden. Noch immer erinnert das historische Viertel Ybor City mit seinen Backsteinfassaden, alten Lagerhäusern und kubanischen Cafés an diese Zeit. Das eindrucksvollste Relikt dieser Ära: die J.C. Newman Cigar Company.
Fotos: ©Derk Hoberg
Schon von außen wirkt das Gebäude mit seinem markanten Uhrenturm wie ein Stück konservierte Industriegeschichte. Im Inneren entfaltet sich jedoch eine überraschend lebendige Welt aus versiertem Handwerk, Tradition und Familiengeschichte. Die Manufaktur gilt heute als letzte aktive Zigarrenfabrik der USA – und als eine der spannendsten Sehenswürdigkeiten in Tampa.


Cigar City Tampa
Dabei erzählt die Geschichte der Fabrik gleichzeitig die der Stadt. Als die Zigarrenindustrie Ende des 19. Jahrhunderts boomte, entwickelte sich Tampa innerhalb weniger Jahre von einer kleinen Küstensiedlung zu einer florierenden Industriestadt. Rund 200 Zigarrenfabriken prägten damals das Viertel. Heute ist nur noch eine geblieben.



Besonders faszinierend ist, wie stark hier Vergangenheit und Gegenwart ineinanderfließen. Während Besucher durch historische Räume mit alten Zigarrenkisten, Werbeplakaten und Maschinen laufen, wird in den oberen Etagen noch immer gearbeitet. Erfahrene Zigarrenroller fertigen dort Premiumzigarren vollständig von Hand. Jeder Handgriff sitzt, jede Bewegung wirkt beinahe ritualisiert. Das Rollen hochwertiger Zigarren ist bis heute ein Handwerk, das jahrelange Erfahrung verlangt.


Auch die Maschinen auf der zweiten Etage wirken wie aus einer anderen Zeit. Viele stammen noch aus den 1920er- und 1930er-Jahren und laufen teilweise bis heute mit alten Luftdrucksystemen. Eigene Mechaniker kümmern sich darum, die historischen Anlagen am Leben zu halten.


Spannend sind aber nicht nur die Produktionsräume, sondern auch die Geschichten hinter den Mauern. Im Keller der Fabrik entdeckte man während Renovierungsarbeiten eine geheime Fluchttreppe aus Mafiazeiten. Früher wurden die Arbeiter bar bezahlt – ein lukratives Ziel für Schutzgelderpresser. Der damalige Fabrikbesitzer ließ deshalb einen versteckten Rückzugsort einbauen, der jahrzehntelang unentdeckt blieb.


Eine weitere Besonderheit der Zigarrenkultur in Tampa waren die sogenannten „Lectors“. Während die Arbeiter Zigarren rollten, wurden ihnen Bücher und Zeitungen vorgelesen – von klassischen Romanen bis hin zu politischen Texten. Diese Tradition prägte nicht nur die Arbeiterkultur, sondern inspirierte sogar bekannte Zigarrenmarken wie Romeo y Julieta oder Montecristo bei ihrer Namensfindung.
Heute versteht sich die J.C. Newman Cigar Company längst nicht nur als Produzent, sondern als Bewahrerin eines kulturellen Erbes. Gerade deshalb lohnt sich ein Besuch auch für Menschen, die selbst gar keine Zigarren rauchen. Die angebotenen Führungen durch die Manufaktur zeigen eindrucksvoll, wie eng Einwanderung, Industriegeschichte und Handwerkskunst in Tampa miteinander verbunden sind.
Schnell zum Luxus: J.C.Newman Cigar Co und Visit Tampa Bay
